DEKAN-ERNST-SCHULE

Rund ums Buch >>> Die Vorstadtkrokodile

Brief an einen Schulfreund

Grünstadt, den 27.12.05

Hallo Moritz,

ich muss dir ganz dringend etwas berichten. Du weißt doch, wo wir hingezogen sind, und ich habe dir doch schon von unseren Nachbarn gegenüber - den Wolfermanns - geschrieben. Vom Kurt Wolfermann und seiner alten Bande, den Krokodilern. Vorgestern war nun endlich die Gartenfete bei ihm zu seinem 45. Geburtstag. Es war die Hölle los, total cool, was die Gruftis abgezogen haben. Es spielte sogar eine Band - na ja, nicht ganz so unsere Musik, aber ich konnte es aushalten. Hits aus den 60- und 70er Jahren. Der Sänger hatte schon eine Glatze und Cowboystiefel an. Au Weia!

Alle nannten ihn Locke. Die Musiker wohnen in der Satellitensiedlung, da wo früher die alte Ziegelei stand. Denn nach deren Abriss im "Mittelalter", also 1972, wurde da mit staatlichen Mitteln eine hochmoderne Wohnsiedlung mit Hochhäusern gebaut, die heute schon wieder höchst sanierungsbedürftig ist, wie Paps mir erzählt hat. Egal! Jedenfalls waren die Musiker sehr laut und irgendwann tauchte die Polizei auf. Was glaubst du, wer das war?

Der kriminelle Karli - na ja ehemals kriminell. Eben der, der damals zu der Diebesbande gehörte, die die Einbrüche verübten und ihre Beute in der alten Ziegelei versteckt hatten. Sein Vater war doch der damals berühmte Polizist mit dem Porsche. Jedenfalls haben ihn die Jugendstrafe und die anschließende Bundeswehr wieder "auf den rechten Weg" gebracht, wie Kurt immer sagt, und dann ging er zur Polizei. Und da stand er nun am Gartentürchen und sollte für Ruhe sorgen. Die Krokodiler luden ihn natürlich ein, aber er war im Dienst. Nach der Schicht kam er aber vorbei und ich kann dir sagen, er ist ein netter Typ. Er kann tolle Zaubertricks und Witze.

Aber dann stand urplötzlich mein Superstar vor mir, du weißt doch, die Maria von Greenpeace. Ich hatte einen total trockenen Hals, brachte keinen Ton heraus. Da klopfte sie mir kumpelmäßig auf den Rücken und meinte supercool: "Na du kleiner Mann, du bist also Max, mein größter Fan, wie Kurt mir berichtet hat. Ich haben deinen Brief erhalten und an mein Fanpostboard gepinnt." Ich konnte nur noch nicken, aber nach einer Coke war der Frosch weggespült. Sie trinkt auch Coke, wenn es keiner sieht, denn dieses Kapitalistenzeug (solche Ausdrücke kommen öfter von ihr) muss sie ja öffentlich meiden. Sie hat mir viel von ihrer Arbeit bei Greenpeace erzählt. Sie sitzt in der Verwaltung und findet es furchtbar langweilig. Keine Aktionen wie früher. Alles nur noch spießig. Sie sagt, dass sie total einstaubt und versauert. Und was ihr besonders stinkt sei der riesige Wasserkopf von aufgeblähter Verwaltung, der das meiste von den Spenden auffrisst. Von 10 Euro die ein Schüler spendet, können vielleicht noch 1 bis 2 Euro für aktivistische Zwecke, also Demonstrationen und sowas, verwendet werden. Der Rest geht in der Verwaltung unter für Gehälter der Mitarbeiter, aber auch für Rechtsanwälte, die irgendwelche langwierigen Prozesse gegen irgendwelche Ölgesellschaften führen. Und da ginge die meiste Kohle verloren. Sie habe schon oft ans Aufhören gedacht, aber wenn sie ginge (sie hat wenigstens noch etwas Idealismus, das heißt, sie ist mit Leib und Seele Greenpeacer), dann würde sicher ein "Studierter" (damit bezeichnet sie einen Rechtsanwalt oder sowas) ihren Platz einnehmen und nur noch des Geldes wegen arbeiten. Sie sagt nämlich, dass die erste Generation noch kämpft, die zweite und dritte scheffelt nur noch in die eigenen Taschen.

Und mittendrin im Zuhören reißt mich plötzlich was von hinten hoch, ich bin fast durch die Luft geflogen. Es war Herr Olaf, der mein Gespräch mit Maria so abrupt unterbrach. Sie wollten jetzt Kurt ein Liedchen trällern und dazu müsste er mir Maria entführen. Mann, ist der Olaf riesig, und der hat Hände wie Bratpfannen. Es war jedenfalls megatoll, überall war lautes Lachen zu vernehmen, jeder hat sich bestens amüsiert - und ich musste um 23 Uhr nach Hause. Papa hatte schon von 22 Uhr auf 23 Uhr verlängert, aber mehr war nicht drin. Ich konnte fast allen tschüss sagen und Maria gab mir sogar ein Küsschen. Sie flüsterte mir ins Ohr, dass ich immer auf Kurt aufpassen soll, er sei manchmal etwas zu mutig. So, jetzt brennen mir schon die Finger vom vielen Schreiben. Ich mache jetzt Schluss und hoffe, dass du mich in den nächsten Herbstferien besuchen kommst. Dann kann ich dir mal ein, zwei oder drei Leute von den berühmten Krokodilern vorstellen.
Also tschüss,
dein alter Kumpel

Max

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