DEKAN-ERNST-SCHULE

Rund ums Buch >>> Die Vorstadtkrokodile

Brief an Maria

Maria wäre heute zwischen 40 und 45 Jahre alt. Max hat ihr einen Brief geschrieben

Grünstadt, den 7.12.05

Frau Maria Schneider
Hansa-Allee 117a
45678 Hamburg

Liebe Frau Maria Schneider,
ich muss Ihnen diesen Brief schreiben, bitte lachen Sie nicht über mich. Ich habe über Herrn Kurt Wolfermann von einer tollen Geschichte erfahren, die ungefähr dreißig Jahre zurück liegt. Ich bin jetzt neun Jahre alt und vor zwei Jahren sind wir in das Haus gegenüber von Herrn Wolfermann gezogen. Anfangs dachte ich immer, dass der Herr Wolfermann ein komischer und strenger Mensch ist. Aber vor dem letzten Weihnachtsfest lud mich Oma Wolfermann, das ist Kurt Wolfermanns Mutter, nachmittags ein, um von ihren frisch gebackenen Weihnachtsplätzchen zu kosten. Dabei hat sie mir erzählt, dass ihr Mann nun schon über zwölf Jahre tot sei, aber dass sie sich freue, noch ein bisschen für ihren Sohn Kurt "sorgen" zu können. Denn er hat es ja nicht leicht. Er sei Lehrer in einer Behindertenschule für Deutsch, Geschichte und Sport.

Und dann fing sie an, von den Krokodilern zu erzählen, wo ihr Kurt Mitglied wurde. Das war schon ewig lang her. Kurt habe ihr damals die Geschichten ganz genau erzählt und auch die vielen folgenden Abenteuer. Ja, er hat sie sogar aufgeschrieben, vielleicht will er mal ein Buch schreiben. Als dann Herr Kurt Wolfermann plötzlich die Küchentür herein rollte, bemerkte ich erst, dass es schon gegen Abend war. Er lud mich gleich zum Abendessen ein. Weil meine Eltern nichts dagegen hatten, durfte ich bleiben. Und so haben wir uns alle drei sehr toll angefreundet.

Herr Kurt - ich darf jetzt einfach Kurt zu ihm sagen, und zu Frau Wolfermann Oma - passt manchmal nachmittags auf mich auf, wenn er keine Schule hat und meine Eltern weg sind. Ich lerne sehr viel von ihm und ganz besonders liebe ich die Geschichte von eurer Bande "Krokodiler", wie alles anfing damals mit Kurts Aufnahme in die Bande. Hier muss ich Ihnen gleich schreiben, wie ich Sie bewundere und was Sie für einen riesigen Mut hatten, als Sie die Feuerwehr riefen. Wo doch alle abgehauen sind und Herr Hannes unter Lebensgefahr am Dach der alten Ziegelei hing. Wenn Sie nicht gewesen wären, säße Herr Hannes bestimmt auch im Rollstuhl oder er wäre vielleicht sogar tot. Und dass Sie sich der Stimme enthielten, als die Krokodiler zum ersten Mal über Kurts Aufnahme abstimmten, will schon etwas heißen. Sie haben sich ja gegen die Gruppe gestellt und bestimmt wurden Sie deswegen auch angemeckert. Toll fand ich auch, dass Sie als einzige Kurt beim Pipi machen geholfen haben, als er das erste Mal mit der gesamten Bande unterwegs war. Man muss sich das mal vorstellen, wo das doch für Kurt ein riesiges Problem war. Die Jungs haben sich so doof angestellt, aber Sie als Mädchen waren so mutig, ihm dabei zu helfen. Danach waren Sie dann zweimal mit bei der Polizei, um die Wahrheit an den Tag zu bringen. Kurt sagt immer Sie seien etwas Besonderes und er hat es mir so erklärt: Er selbst musste ja gezwungenermaßen mutig sein, um als Körperbehinderter dazu gehören zu dürfen, also voll akzeptiert zu werden. Aber Sie als "Gesunder Mensch" und dann noch als einzige Frau in einer reinen Jungengruppe hätten da schon einen "Mordsmut" gehabt, und den hätten Sie auch heute noch. Kurt hat mir nämlich auch erzählt, dass Sie Mitarbeiterin bei Greenpeace seien und schon mehrmals im Fernsehen oder in der Zeitung waren. Einmal hätten Sie sich an die Eisenbahngleise gekettet, um gegen einen Atommülltransport zu demonstrieren. Dann seien Sie mit Ihren männlichen Mitgliedern von Greenpeace in der Nordsee mit Schlauchbooten um große Schiffe herumgekurvt, die Müllfässer ins Meer kippen wollten. Und wie Sie Ihren Ehemann kennengelernt haben, mit einer Backpfeife. Als Herr Schneider damals, drei Jahre nach der Ziegeleigeschichte, auf dem alljährlichen Waldfest ebenfalls Kurt mit seinem Rollstuhl weggeschubst hatte, gaben Sie ihm einfach eine Schelle. Er hätte sich dann furchtbar geschämt und zur Entschuldigung eine ordentliche Runde Getränke bezahlt. Da hätten Sie ihn richtig kennengelernt, wie Kurt sagt, zumal der Kalle Schneider ein aufrichtiger Mensch sei. Die ganze Zeit haben Sie sich immer für Schwächere und Gerechtigkeit eingesetzt. Ich würde Sie furchtbar gern kennenlernen und hoffe, dass Sie diesen Herbst zu Kurts Gartenparty kommen. Er feiert nämlich seinen 45. Geburtstag und wie Kurt sagt, treffen sich alle Krokodiler bei einem großen Geburtstag bei ihm. Ich darf auch kommen, um Oma Wolfermann beim Ausschenken der Bowle zu helfen. Also bis dann, ich freue mich ganz arg auf Sie,

Ihr lieber Max

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